1. Kapitel

crash

 

Ich habe am Navi immer die Frauenstimme ausgewählt. Irgendwie liebte ich ihre sanfte Mischung aus Penetranz und Machtlosigkeit. Auch an jenem Tag gab sie mir Anweisungen. Sie dirigierte mich zur Unterschweinstiege. Ich kam von dem gleichnamigen Lokal – mit Biergarten und einer Küche, die lokale Spezialitäten bot: Grüne Soße, Würste und natürlich Äppelwoi.
Von dort aus fuhr ich Richtung Flughafen, bog in den Kreisverkehr unter der Brücke ein, auf der die Autos über die B 43 rasten. Es regnete, aber es gab kein Aquaplaning. Unter der Brücke hervorkommend, wollte ich den Kreisverkehr verlassen.
Etwas knallte, mein rechter Seitenspiegel brach ab. Danach ging alles sehr schnell, das Auto überschlug sich, es flog und prallte gegen den Beton. –
Die Bilder vom Danach machte die Polizei. Bremsspuren fehlten.

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gurke

 

Alles wird gut

Draußen vor dem Fenster verwitterte die eierfarbene Lackierung der Ziermetallstreben, der Himmel zeigte ein spätes Winterblau, der Deich war schneefrei. Im Badezimmerspiegel sah Anton ein bleiches Gesicht. Er wünschte sich ein optisches Aufarbeitungsprogramm dafür und eine Beratung, wie er sich bei der Beerdigung verhalten sollte. Vorher am besten noch eine Rückenmassage. Dann vibrierte das Handy in seiner Hosentasche, sicher Elva. Gut.
Er zog sich einen Scheitel, wie sein Vater ihn getragen hatte. Seine rötlichen Haare hatte er gestern bereits schwarz gefärbt, gegen den Willen seiner Mutter Ursula. Der Heilige, den er während des Schulgottesdienstes gemustert hatte, kroch ihm in den Rücken, spannte ihm den Hals, als säße ein Krampf zwischen den Schultern, ein festgezurrter Knoten, der bis in die Füße strahlte. Doch mit dem Heiligen konnte er der mitleidigen Meute in der Kirche entgegentreten, die ihn an diesem Tag erwartete: Leid vor brüchigem Goldgrund. –
Als ihm in der Pose übel wurde, las er Elvas SMS: „Alles wird gut!“

<…>
Stimmen sind um mich herum. Mein Kopf fühlt sich ungewohnt an. Überhaupt sind alle Glieder schwer, mein Arm paralysiert. Die Muskulatur in Schultern und Beinen zurückgezogen, keine Bewegung möglich. Ich will mich aufsetzen, ABER …
Dann war ich wieder eingeschlafen.

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ohr

 

 

Von der Seite 

In einem von seiner Mutter eigens besorgten weißen Mercedes fuhren sie vor, der Glockenturm der Kirche dröhnte. Anton stieg als erster aus und suchte Elva. Sie wartete nicht, wie verabredet, vor der Kirche, sondern war mit ihrem Bruder Daniel hineingegangen. Ihr Anblick beruhigte. Nun konnte Anton einatmen, dem Rücken die Heiligenkrümmung geben.
Vorn standen Nelken: Sie schmückten den Altar, daneben leuchteten goldfarbene Kerzen. Der Aufsatz auf dem Opfertisch strahlte in Weißgelbgrünbraun. Anton setzte sich, und weil alles unerträglich war, nahm er sein Handy und filmte. Im Bildschirm bemerkte er Elvas winziges Lächeln. Es wurde still. Seine Mutter betrachtete ihn kurz von der Seite.

 


<…>
Lange war ich neben mir.
Wo bin ich? Bin ich der, der fühlt? Ich schlaf’ und schlafe so viel und lang wie nötig. Wenn ich wach bin, richte ich mich auf. Dass ich schreibe, ist wichtig, die Sonne scheint, und im Radio singt Juli von der perfekten Welle …

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abfluss
Nie zuvor gesehen
Wieder ging es in den Mercedes, nun zum Friedhof. Markus lief sehr langsam, er war bleich. Vor der Grabkapelle standen die Gäste mit Regenschirmen im Spalier – sie trugen Schwarz, Grau oder Aubergine. In den wenigen Tagen bis zur Beerdigung hatte Anton viele Gerüchte gehört: fehlende Bremsspuren, Lebensversicherung, geschäftliche Probleme.
Elva war zum Glück nicht weit hinter ihnen. Sie hielt ihre neue Kunstfasertasche in der Hand und stellte sich zu den Brots.
Mutter Brot stützte Oma Brot, die wankte. Die alte Dame roch scharf alkoholisch. Andere Trauergäste runzelten die Stirn, besonders, als sie in die Rede des Pastors hineinbrabbelte:
„Nu is man gut! So’n finer Kerl war der man nich …“
Kaum war der Pastor fertig, erhob Ursula sich und ging mit ihren beiden Söhnen aus der Grabkapelle. Draußen öffnete sie ihren Regenschirm.
Der Sarg wurde ins Grab gelassen, das Gesicht seines Vaters war im Fenster zu sehen. Es -wirkte pudrig, die schwarzen Haare waren geföhnt. Der Regen sprühte einmal kurz, dann setzte er aus. Eine Trompete erklang und zog feierliche Schleifen in die Luft. Seine Mutter warf die erste Schippe Erde auf den Sarg, darüber ihre Astern.
Bald darauf traten die Brots an die Aushebung. Der Sohn wurde von Frau Brot angeschoben und streute einzelne Märzenbecher ins Grab. Sie warf riesige Lilien hinein, die Ursulas Astern mit ihrer Pracht erdrückten. Sie weinte eindrucksvoll. Ihr Junge sah aus wie der regennasse Bruder von Hans: schwarzes Haar, blaue Knopfaugen. Letztere schwirrten richtungslos. Zweimal machte er Schnalzgeräusche, seine Mutter berührte ihn, dann traten beide zurück. Ursula hob den Kopf, schaute erst Markus an, dann Anton. Der nahm ihre welke, abgearbeitete Hand en rerückte sie liebevoll. In ihre Augen wagte er nicht zu schauen.
Immer weitere Schippen Erde trommelten auf den Sarg. Die Reihe der Menschen, die Blumen ins Grab warfen, nahm kein Ende. Viele von ihnen hatte Anton nie zuvor gesehen.

schulter

<…>
Weit über drei Wochen, eine davon in künstlichem Koma, die ich im Gipsbett lag. Reizstrom, Physiotherapie – viel zu lange war ich zu Nichtstun verdammt. Nun gewinne ich langsam meinen Körper zurück. Ich mache winzige Übungen, damit die Muskeln wieder erstarken und die irreparablen Schäden meines Skeletts ausgleichen, vielleicht tue ich sogar im Kleinen zu viel des Guten, das war schon immer so. –
Als Arzt habe ich mich um Menschen gekümmert und das Letzte aus ihnen herausgeholt, nun macht mich mein Zustand wahnsinnig. Wie lange muss ich das noch ertragen?
Der Unfall lässt mich nicht los. Welche Bahn hat mein Leben genommen und warum? Habe ich etwas falsch gemacht?

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Sie seinem Vater
Als die Beerdigung vorbei war, bekam die holländische Landschaft aus verstreuten Bäumen, Wiesen und Schilf wieder etwas Einladendes. Ursula lenkte den weißen Mercedes fast leichthändig, der Ort drehte sich in der Windschutzscheibe, beschwipst wie Oma Brot.
Vor dem Haus angekommen, grüßte seine Mutter Grölsweg, der auch heute – trotz seines schwarzen Anzugs – mit dem Fahrrad unterwegs war. Schließlich öffnete sie die Tür und ging hinein. In der Küche kümmerte sie sich zuerst um den Bienenstich für die Gäste, die bald eintrudeln würden. Ihre Gelassenheit wirkte aufgesetzt. Dann verschwand sie in der Toilette und weinte leise.
Elva klingelte als erste. Sie gab Anton die Kamera zurück, mit der sie versteckt aus ihrer Tasche gefilmt hatte. Sie glühte, und in diesem Moment ähnelte selbst sie seinem Vater.

FullSizeRender

<…>
Heute durfte ich zum ersten Mal aus dem Bett. Sitze im Rollstuhl. Meine Frau hat mich sogar kurz nach draußen gefahren. Ich bekomme Schmerzmittel – aber in meinem Büro stehen die Wirkstoffe, die mich wieder aufbauen werden!
Ursula hat mich gedrängt, ihr den Schlüssel für mein Büro zu geben, sie brauche unbedingt Unterlagen fürs Finanzamt. Warum ist sie da so hinterher? Kann das nicht warten?

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Sehr sicher saß
Um an Hans’ Unterlagen heranzukommen, hatte Ursula den Schlüsseldienst bestellt. Das war also das Zimmer, das niemand hatte betreten dürfen, das sein Vater zur Tabuzone erklärt hatte. Es roch merkwürdig nach Chemie. Ursula griff nach dem Bank-Ordner und verließ mit dem Mann das Büro.
Anton schaute sich um. In einem Regal hinter der Tür standen, säuberlich aufgereiht, unterschiedliche Dosen. Manche stammten aus dem Handel. Auf ihnen standen Worte wie Anabol, Muskelpumping, Power-sonst-was. Andere waren von Hans mit chemischen Bezeichnungen beschriftet. Anton filmte das Regal, schwenkte über den Schreibtisch, die Ordner. Als er Schritte hörte, stellte er das Gerät schnell ab.
Ursula erschien und verbat ihm, im Büro herumzuschnüffeln. Sie schob ein Steckschloss in die Tür, das nicht sehr sicher saß.

Deckel

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Es ist der Hals, den es am stärksten erwischt hat und der nun regelmäßig untersucht wird, aber auch die linke Schulter, der rechte Ellbogen und das linke Knie sind hin. Auf diese Weise sind mir viele Bewegungen und Belastungen versagt, vor allem gleiche Muskelpartien parallel zu trainieren – unmöglich.
Ich ignoriere den Doktor, der strikte Bettruhe verordnet, ich sage ihm, dass es zwei Schulen gibt: Die eine hält still und macht höchstens Dehnungsübungen mit der Schwester – mal von den äußerlichen und angenehmen Effekten der Schwester abgesehen, die ja nur eine bestimmte, fast schon jungfräulich überspannte Stelle betreffen, ist mir das zu wenig Durchblutung. So heile ich nicht.
Ich vertrete die zweite Schule, die Sport treibt, selbst wenn die Knochen kaputt sind, mit der Philosophie der Arbeit an sich selbst, des Grenzüberschreitens: Mag die Hardware ihre Defekte haben, wir bauen drum herum neues Gewebe! Ich arbeite an den Schultern und aktiviere die Halswirbel, ich mache Armübungen oder stärke Muskeln in der Hand; ich bewege die Füße für die Unterschenkel und taste mich an die kaputten Partien heran, bis dort wieder etwas geht – vorsichtig, mit improvisierten Gewichten, Gläsern, Büchern und Wasserflaschen, fange ich an, Stufe für Stufe mehr, immer genau darauf achtend, ab welchem Gewicht und ab welcher Wiederholung der Schmerz anfängt, um eine Weile auf ihm herumzureiten, vorsichtig natürlich, genau den Winkel analysierend, in dem ich kein Ziehen oder Stechen spüre. So geht Körperaufbau! –
Unglaublich, wie weit ich für ein paar unachtsame Momente am Steuer gehen muss. Man wächst an den Herausforderungen!

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Aber sicher abnahm
Als er zwei Tage später allein im Haus war – Markus war bei einer Freundin, um eine Klassenarbeit vorzubereiten, und Ursula musste etwas in der Stadt besorgen – gelang es ihm, das Steckschloss zu entfernen und das Zimmer zu betreten.
An der Wand, rechts über dem Tisch, hing das Bild einer jungen Sportlerin, eine Läuferin in Startposition. Einen Blick darauf hatte er immer nur von Ferne werfen können, bevor sein Vater die Tür hinter sich schloss. Ihr Nacken und Rücken hauten ihn um. –
Überhaupt die Fotos. Er schaute sich die Ordner, Alben, Umschläge mit Negativen und Videokassetten an. Ursula hatte seine gesamte Kindheit akribisch dokumentiert: die ersten Gehversuche, die Türme aus Bauklötzen, die Holzeisenbahn, die ersten geschriebenen Worte – Anton hatte es stets gehasst, fotografiert zu werden, schon damals, ja, solange er eine Erinnerung an seinen Vater hatte. Aber der hatte darauf bestanden. Er wollte Antons Fortschritte, wie er sagte, mitverfolgen, auch wenn er kaum zu Hause war. So dokumentierten sie die Geschichte eines dicken Babys, das langsam, aber sicher abnahm. –

 

<…>
Sobald ich mich freier bewegen kann, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, werde ich Therapien nutzen, die umstritten sind. Dazu gehören Stromimpulse für alle Bereiche meines Körpers. Ich denke auch an starke Ergänzungsmittel. Am liebsten wäre mir ein gezielter genetischer Eingriff für eine Nullkommanichts-Genesung, so ein Mittel, das bei Mäusen ein enormes Muskelwachstum auslöst. Gewebe kann so hart wie Knochen sein. Es würde wie ein eigenes System Knochen und Bänder stützen, eine zweite Schale quasi, wie diese Anzüge von Sci-fi-Soldaten.

Platz und Himmelspagode 
Er sträubte sich, das Album von Hans’ Leben in die Hand zu nehmen, lieber griff er zum gemeinsamen Buch seiner Eltern. Das hatte auch eine Story: „Meine Frau arbeitete in einer Bäckerei in den Alpen, wo ihr Chef sie belästigte. Ich habe sie da rausgeholt.“ Fotos auf der Münchner Wies’n, Ausflüge in die Berge, Hände halten, viel abgeblitztes Doppelglück auf dem Weg zur Heirat. In Detern, wo die Fenster groß waren und der wolkenlose Himmel, von Bergen ungehindert, auf den Boden reichte, machte Ursula bald eine unglückliche Figur. Rauchte sie nicht ständig, als wollte sie sich im Qualm verstecken?
Schließlich schlug er doch Hans’ Album auf. Einschulung, Klassenfoto mit Zackenrand, Erstkommunion. Hans als Radrennfahrer im Trikot, Hans aufreizend lässig in Motorradkluft, Hans neunzehnjährig im Che-Guevara-T-Shirt, Hans als fettloser Paradesportler im Studio – unglaublich, dieser aufgepumpte Körper, dazu das Gesicht eines Studenten der Sportmedizin, der Posen liebt. Hans Zigarre paffend auf einer Party im Kreise seiner Verehrerinnen. Auch eine Studentenliebschaft fehlte nicht. Zahlreiche Fotos zeigten sie, dazwischen ein Zeitungsausschnitt: „Petra Krause qualifiziert sich für die Deutschen Meisterschaften“. Dann erste Dienstreisen: Prado in Madrid, Präsidentenpalast in Bukarest, Tito-Statue in Belgrad, Roter Platz und Himmelspagode …

rinde

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Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht um Attraktivität. Und, ja, um körperliche Anstrengung. Mindestens zwanzig Minuten am Tag braucht es, in meinem Fall viel mehr! Dazu das richtige Essen – das ist ein Problem in dieser Klinik. Du kannst nicht in den Tank eines Ferraris pissen und dann mit 200 über die Autobahn fahren!

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Und den Revolver  
Nun sah Anton in die oberste Schublade, er fand darin einen Revolver, der auf ein paar Kladden lag, darunter eine Reihe von Gesundheitszeugnissen, Krankenberichte. Sein Vater hatte scheinbar jahrelang mit seinen Knien zu kämpfen. Aber wozu brauchte er einen Revolver?
Das Metall war beinahe warm, lag freundlich in der Hand, viel freundlicher als das Album mit den Bildern.
Anton wollte mehr, viel mehr Informationen. Also durchsuchte er die Geschäftsordner. Im China-Ordner fand er die Karte eines Dolmetschers, vermutlich einer der Männer, die mit Hans vor den Sehenswürdigkeiten in Peking abgebildet waren. Ihn hatte Hans eine Woche an seiner Seite gehabt. Dann waren da endlose Reihen von Rechnungen, manche hatte Hans erhalten, von Firmen in der DDR, Spanien, USA und China, andere hatte er gestellt …
Auf einmal hörte Anton den Wagen seiner Mutter. Türeklappen. Schnell nahm er die Gesundheitszeugnisse, die Kladden und ein paar der handbeschrifteten Döschen mit. Und den Revolver. –

<…>
„Fitness ist die Fähigkeit, tägliche Vorhaben (Arbeit und Spiel) mit unbändiger Kraft und Aufmerksamkeit voranzutreiben und sich mit überschießender Kraft und frei von Müdigkeit in der Freizeit zu vergnügen bzw. unvorhersehbare Notfälle zu bewältigen.“ (Clarke 1976)
Da muss ich wieder hin. Dann stelle ich mich meinen Fragen.

arm

Den Punkt gebracht
Die Fotos seines Vaters gingen ihm nicht aus dem Kopf. Auch das der Läuferin nicht, insbesondere ihr Nacken. Er musste es nachmachen, eine Art Kopfkino oder Animation von Sauriern, die ansetzte und sich wieder in Pixel auflöste. Seine Mutter beobachtete ihn einmal dabei, wie er die Schultern hochzog und sich auf dieses Gefühl konzentrierte, die Anspannung, bevor der Startschuss fällt.
Wer war diese Frau? Was hatte sie mit Hans zu tun? Immer wieder versuchte Anton, von seiner Mutter mehr über die Vergangenheit seines Vaters zu erfahren, aber offenbar war das Reden über ihn, sein Leben oder seine Geschäfte nicht erlaubt. Sobald Anton darauf zu sprechen kam, lenkte sie ab, fragte ihn nach Belanglosigkeiten, seinen Hausaufgaben, seiner Deutschnote. Schließlich gab er auf.
In das Büro konnte er nicht mehr. Ursula hatte ein neues Schloss einbauen lassen. Er wollte mehr über Hans erfahren. Aus dem Zeugnis kannte er die wichtigsten körperlichen Grunddaten. Damit hätte ein Robert de Niro Hans rekonstruieren können. Allein der Gedanke daran ließ Anton erzittern. Seine eigenen Versuche, einen Hans zu machen, scheiterten daran, dass er seinen Körper nicht im Griff hatte. Was machte er falsch? Wozu stellte er Fotos bis in die kleinste Fingerneigung nach? Als er mit Elva später darüber sprach, meinte sie, dass er ja nicht seinen Vater wiedererschaffen solle, sondern dass es nur so aussehen solle, als ob der noch lebe …
Immerhin hatte sie den Blog entdeckt und auf den Punkt gebracht.

Er das er
Sein Vater hatte riesige Hände, seine Augen waren stechend blau, die zu großen Nackenmuskeln schienen ihn reizbar zu machen. War der Mann erstaunt oder beleidigt, wenn er den Kopf nach hinten legte und auf ihn hinabschaute, oder schnappte er nur nach Luft? Lachte er, sah man die mit Gold hinterlegten Schneide- und Eckzähne – ein Pferdetritt hatte ihn in seiner Jugend alle vorderen Zähne gekostet. Wenn der Riese sich ihm wieder einmal mit seinem Lieblingsspielzeug, der Kamera, näherte, weinte Anton gern. –
Später brachte Hans ihm von einer Reise eine Digitalkamera mit, ein Fang beim Flughafenshopping. Anton weigerte sich, damit Menschen zu knipsen. Er bat Hans mitzukommen. Sein Vater wurde beim Suchen von Bildmotiven – Weidenkätzchen, Kastanien, Lampenputzer – unruhig, er ging nicht gern spazieren, sondern joggte lieber.
Als Anton ihm abends die besten Fotos zeigte, musste Hans zugeben, dass die Bilder gut waren, ja, dass Anton ein Auge habe. Solch ein Lob hörte der zum ersten Mal. Nach einem gemeinsamen Tag in den Schilffeldern forderte Hans ihn sogar auf, die Fotos auf einer eigenen Seite ins Netz zu stellen. Teilen nannte er das. Er.

<…>
Fitte Menschen sind morgens die ersten. Das habe ich meinen Sportlern stets gepredigt. Klar, ich weiß, dass das die wenigsten gern hören. Aber ich sage ihnen nur: „Gewinner wissen, dass der Kopfsprung am Morgen den Schwung erzeugt, der einen durch den Tag trägt.“
Hier im Krankenhaus, wo die Schwestern morgens um sechs durchs Zimmer wirbeln und nach Mitternacht noch Tabletten verteilen, ist das hart. Aber ich schaffe es trotzdem: Jeden Morgen um zwanzig vor fünf!
Unter diesen Bedingungen kämpfe ich um meinen Schlaf. Zu wenig Nachtruhe bedeutet, dass der Körper mehr Fett speichert, die Muskeln kleiner werden und der Stoffwechsel das falsche Essen will. Nach dem Mittagessen trinke ich keinen Tee oder Kaffee, und nach dem Abendbrot (17h30!) bitte ich die Schwestern, die Gardinen zuzuziehen. Ich nehme zwei Dosen Melatonin. Kein TV, kein Handy – nichts, was meine Ruhe stören könnte.

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rolltreppe

Bilder fehlten seitdem
Anfang März hatten sie das letzte Mal gemeinsam fotografiert. Sein Vater hatte eine knappe Woche mit ihnen verbracht. Bei seiner Rückkehr hatten sich seine Knopfaugen an den engen dunklen Eingangsflur gewöhnen müssen. Sie wurden Schwarz. Am späteren Abend hatte Hans gelallt – in einer merkwürdigen Mischung aus traurig und lustig, je nachdem, wie die Gemütswellen in sein blasses Gesicht rollten – bis die Spannung aus ihm gewichen und er ins Bett gegangen war. –
An jenem Spätnachmittag waren sie in einen aufziehenden Sturm geraten. Anton fixierte eine Gruppe Erlen. Zwei Blitze beunruhigten ihn. Er fror, und das nicht, weil es kalt war. Lieber hätte er jetzt mit Elva gechattet.
„Stell dich doch nicht so an, was soll denn sein?“, sagte Hans. Das klang belustigt, aber auch so, als verstehe er etwas. Anton drückte seine Hand. Sein Vater sprach nun obenhin von der nächsten Dienstreise nach Barcelona, ein Trainingslager am Meer. Aber auch er musste schließlich vor dem Wetter kapitulieren.
Ziemlich durchnässt heimgekehrt, ging Anton ins Badezimmer, um sich die Haare abzutrocknen. Von dort aus konnte er sehen, wie Hans seine Sachen ablegte und ein paar Fotos in einen Briefumschlag steckte. Eines schaute er länger an. Ein Foto von einer Frau, eine Rückenansicht, dahinter rote Stadionaschenbahnen. Fast schon Männerschultern. Es ähnelte stark dem Bild rechts über dem Schreibtisch. Hans schob es zu den anderen in die Innentasche seines Jacketts. Diese Bilder fehlten seitdem.

auge

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Meine Routine:
1. KÖRPERARBEIT: Morgens mache ich bereits 15-20 Minuten trotz Schmerzen die Übungen, die mit meinem kaputten Körper im Bett möglich sind: Arme und Beine heben – ich bin nicht undankbar für den Gips und die Nägel, die meine Extremitäten beschweren. Selbst Sit-ups gehen!
2. ERNÄHRUNG: Dann esse ich von den Riegeln, die meine Frau mir bringt. Anschließend bitte ich um Tee. Ja, Morgens braucht es Koffein, so dominierst du deinen Start. Den ganzen Tag achte ich auf eiweißreiche Kost, damit die Muskeln durch die erzwungene Bettruhe nicht weiter schrumpfen.
3. LESEN: Nicht alle Leser sind Führer, aber alle Führer sind Leser! Ich lese morgens, um meinen Geist fit zu halten. Nur so kann man als Arzt an der Spitze bleiben.
4. SCHREIBEN: Das Verfassen von Gedanken und Zielen gehört zur täglichen Routine, die mich wieder in Form bringt. Über Körper und Geist gestaltet man Realität: Dieser Blog wird mich (wieder) zu dem Menschen machen, der ich sein will, er liefert mir Motivationsvitamine.

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Einer neuen Zigarette
Mittagstisch: Kotelett, Kartoffelpüree, Wurzelgemüse, Gurkensalat. Ein Ascher mit einer halberstickten Zigarette. Ursula forderte, dass Markus und er ihr mehr im Haushalt helfen sollten. Das Fenster war gekippt, kalte Luft drang ein, sie sog an einer neuen Zigarette.

<…>
Morgen darf ich endlich raus. Noch vor zwei Wochen konnte ich das Zimmer nur im Rollstuhl verlassen. Meine Ärzte sind sprachlos: „Das ist ja wie ein kleines Wunder, Herr Kollege!“ Ignoranten. Amateure.
Sicher, das Aufstehen aus dieser rollenden Krücke war hart, zuerst gelang es nur minutenweise. Aber ich habe meinen Körper darauf vorbereitet, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Nun laufe ich fast schon wie ein normaler Mensch, nur dass ich jeden Muskel fühle. Sie sind alle da: Langer Wadenmuskel, Zwillingswaden- und Schollenmuskel und wie sie alle heißen! Egal, dass der Himmel grau ist.

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Die Tür zu
Als er und Markus, von der Schule heimgekehrt, das Grundstück betraten, tröpfelte ein Aprilregen bei Temperaturen um die 14 Grad. Die von Hans an der Hauswand montierte Kamera fehlte, ein Umzugswagen stand auf der Auffahrt. Ganze Möbelgarnituren wurden aus dem Haus getragen.
Sie rannten in die Wohnung. Ein kleiner Blonder legte Hans’ Laptop, ein paar Akten und sogar Alben auf den Esszimmertisch. Den Laptop klappte der Mann auf, wischte den Screen mit Spucke ab und taxierte ihn.
Anton ging dazwischen: „Mensch, den will ich behalten! – Was machst du mit Papas Sachen?“, schrie er Ursula an, die aus der Küche kam, und nahm dem Mann den Computer weg. Sie hatte Tränen in den Augen. Anton packte so viele Akten und Alben wie möglich und stopfte sie in seinem verschließbaren Schreibtisch. Seine Schulsachen lagen nun auf dem Boden verstreut, und die Ohren rauschten. Da kam Markus vorbeigelaufen: „Haste gehört, unsere Ursula braucht ’n Neustart!“ Ihren Vornamen hatte nur Hans in den Mund genommen. Markus rannte in sein Zimmer und schmiss die Tür zu.

Gestänge

<…>
Schon der erste Schritt in die Wohnung war ein Schock. Ursula hatte in meiner Abwesenheit alle Zimmer umgestaltet und mir wichtige Dinge entfernt, Küche und Esszimmer waren vollkommen steril. Ihre Erklärungen ignorierend – nichts war schöner als zuvor! – lief ich ins Büro, auch alles neu. Meine Akten und Notizen fehlten, stattdessen die Zombie-Oberflächen eines Vorzeigezimmers. Ausgerechnet die Kladden, in denen viele Kontakte, Geschäftstermine und die Trainings- und Dosierungsergebnisse von Sportlern festgehalten waren – weg!
Wenn diese Unterlagen in die falschen Hände geraten, könnten sie ein verzerrtes Bild von mir entstehen lassen und meinen Ruf als Sportarzt schädigen.

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Hans als Genesender
Abends war die Wohnung fremd. Beim Abendbrot führte die neue Sitzordnung dazu, dass Anton quasi auf Hans’ Platz saß. Ursula hatte den neuen ovalen Tisch nur mit drei Stühlen bestückt, und der freie Platz hatte das Fenster im Rücken. Anton holte den spucksauberen Laptop, um die Tischszene zu filmen. Der Staub drehte frostige Pirouetten, als er Hans endlich parat hatte: Erst in den Füßen, etwas unfertig allerdings, doch je mehr er aß, desto mehr fand sein Gesicht in die eingebildete Maske, und im Kopf bildeten sich goldene Manschettenknöpfe. Schulterhöhe, Armimpulse, Tempo stimmten. Er griff nach dem Schwarzbrot, schmierte dünn Leberwurst auf, genoss die festen Körner. Er zitterte. Ursula sagte: „Was machst du für ’n Gesicht?“
„Ist alles gut, ich bin auf Dienstreise, und Ursula ist allein …“
Für einige Augenblicke spürte er eine zerstörerische Freude. Bruder und Mutter schauten ihn an, staunend vielleicht, und so, als ob seine neue Stimme jede und jeder hätte sein können, selbst Ursula oder Markus. –
Er ging ins Badezimmer, trat vor den Klappspiegel, um die Rolle seines Lebens fortzusetzen. Die Bilder sollten auf die Hans-Seite. Außerdem wollte er den Dolmetscher in China kontaktieren, Herrn Chang. Der sollte ihm erzählen, was sein Vater gemacht hat und mit was für Menschen er zu tun hatte. –
Im Dreiviertelprofil gelangen gute, stimmige Aufnahmen: Hans’ gewölbte Drahtigkeit, Fettlosigkeit, Reaktionsschärfe, die er mit Bier betäuben musste. Diese bestimmte Verschlossenheit. – Auf einmal spürte er, dass jemand ihn beobachtete. In der Tür stand Markus. Nun wollte Anton weg, am liebsten in ein Rennauto und Geschwindigkeitsgrenzen missachten. Doch er ging an seinem Bruder vorbei und schrieb Herrn Chang. Er stellte einen Zwei-Minuten-Clip auf die Seite: Hans als Genesender.

 

auf tisch

<…>
Der Boden meines Fitnessraums im Keller ist lindgrün. Schwere schwarze Matten liegen überall, wo ich mit Gewichten hantiere. Damit ich sie fallen lassen kann, wenn mein Muskel an die Grenzen kommt. Ich rate niemanden zu meinem Programm, das darf nur jemand machen, der ohne solch ein Workout krank würde. Ich brauche es, jede Faser zu fühlen und sie zu kontrollieren. Ehrlich, es macht mich glücklich.

http://hans-brunkenhoffer-lebt.de/?p=237

In der DDR
Chang antwortete nicht, vielleicht war sein Englisch nicht gut genug. Dafür schrieben andere Kommentare. Darunter ein Bull2.0 („Finde das gut, was du machst. Du glaubst an dich und hältst durch. So wird es wieder.“) und eine Fiona169 („Unglaublich, Hans, du bist ein Stehaufmännchen!“). Auch sie schienen nicht viel von Hans zu wissen. Aber Anton wurde immer klarer, was sein Vater getrieben hatte. Die vielen Ordner enthielten eine umfassende Dokumentation über Einnahme und Wirkung von Oral-Turinabol, ein gängiges Doping-Mittel in der DDR.

<…>
Fokus, Fokus, Fokus – das ist eines meiner Mantras. Wie oft konzentrieren sich die Menschen nicht. Sei´s beim Sport, wo sich schnell unsaubere Bewegungsabläufe einstellen, sei´s im Alltag, wo man seine Routinen schleifen lässt. So trifft sich Ost und West, Meditation und Wille: Man muss bei der Sache sein und darf sie nicht verhudeln, muss das Vorgängige gleichzeitig bewertungsfrei zur Kenntnis nehmen und es doch verbessern wollen, immer besser werden, gerade weil man gefehlt hat und weiß, dass es nicht besser geht. Es ist einfach mehr drin. Wie viel mehr gilt das für jemandem, der einen mordsmäßigen Aussetzer überlebt hat, der noch bis vor Kurzem von einem Gipsbett gestützt werden musste. Aber das ist egal. Ich muss nach vorne schauen, meinen Körper aufbauen, eine Perspektive gewinnen.

http://hans-brunkenhoffer-lebt.de/?p=85

Rückbild so aus
Er war im Videochat mit Elva, um sich ihr als Hans zu zeigen. Erst war er ganz normal, dann schaltete er um und zitterte sofort, weil er gegen etwas kämpfen musste, doch mit der Zeit bekam er es gut hin, wenigstens sah es im stockenden Rückbild so aus.

 

Viel größer machen
Als Anton sie antickerte, hatte sie mit einer Freundin gechattet. Sie waren ausgelassen gewesen, und bei seinem Anblick, besonders als sich sein Gesicht mit großer Überwindung zurechtzog, musste sie aufpassen, nicht zu lachen. Anton hätte cooler sein können, genauer, er nahm sein Ding einfach zu ernst … Sie achtete also auf ihr Rückbild, um ihm nicht zu verraten, dass er nicht richtig überzeugte. Besser mit ihm darüber reden, wenn sie sich trafen. Er musste das alles größer, viel größer machen.

<…>
Irgendetwas in meiner Vergangenheit hat sich meiner Kontrolle entzogen, so wie das kurze, unvermittelte Einknicken in den Knien, das ich manchmal an mir bemerke. –
Warum habe ich nicht gebremst? Diese komische Frage verfolgt mich, seit ich wieder bei Bewusstsein bin. Die Polizei hat nicht nur mich deswegen befragt, sondern auch Ursula. Fällt das unter Stressphänomene, Nebenwirkungen meiner Mittel oder nagt etwas an mir? Für Antworten auf diese Fragen ist es noch zu früh.

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affe 123

Gut er sein

Auf eine zweite Mail auf Deutsch und Englisch antwortete Chang ebenfalls nicht. Anton verbrachte viel Zeit damit, die Akten zu studieren. Um sich begreifbar zu machen, wie oft Hans in Begleitung auf Reisen war und was er für Mittel an sich und den Sportlern ausprobiert hatte, schrieb Anton sich einen Kalender zusammen. Für seinen Blog arbeitete er auch an weiteren Filmchen und Texten zu Hans’ merkwürdiger Sport- und Fitnessmanie.
Am Nachmittag kam ein Polizeibeamter. Er befragte seine Mutter nochmals zu seinem Vater. Ob sie sich erklären könne, warum ihr Mann nicht gebremst habe. Ob es Gründe dafür gegeben habe. Finanzielle womöglich?
Ursula sagte nur, sie könne ihm nicht helfen. Sie habe ihrem Mann vertraut, er sei Arzt gewesen und habe sich nichts zuschulden kommen lassen …
Am nächsten Tag schrieb er in sein Schulheft: Ich könnte genauso gut er sein!

haar

 

AutarkiePM – ungepostet
Meine Manuela hatte Beine, 104 cm lang. Lauffreudig war sie schon im Kindesalter. Als Jugendliche rannte sie täglich im Wald und träumte nachts davon. Sie flog über Stock und Stein, Blätter schauerten. Nur das Hämmern von Buntspechten oder Erfurts Kohlegeruch rissen sie aus dem Schlaf. –
In der Schule lief sie jedem davon, und wer sie ärgerte, den fasste sie mit ihren starken Händen. Das verschaffte ihr Respekt.

Lauschte dem Lüfter
Er ging weiter ins Sportstudio, schilderte jeden Muskelkater. Hans hatte mehr Muskel gekannt als er und konnte sie alle isolieren. Anton postete Trainings- und Ernährungspläne, eingenommene Mittel, Kreislaufdaten, Gewichtsveränderungen und behauptete, er nähere sich seiner alten Form. –
Ursula wollte wissen, warum er dauernd am PC hocke und das Haus nur für Schule und Sportstudio verlasse. Überhaupt, es stinke da! Seit er dieses Eiweiß zu sich nehme, hätten sich seine diversen Ausdünstungen …
Peinlich war das, er musste an die neuen Pickel auf dem Rücken denken. Anschließend saß Anton am PC und lauschte dem Lüfter.

<…>
Ich trainiere jetzt wieder nach der alten PITT-Force-Methode. Keine kombinierten Übungen, bei denen ich unterschiedliche Muskelgruppen im Wechsel trainiere. So habe ich zwar meinen Körper gleichmäßig gestärkt, Kraft über den ganzen Apparat gepumpt, aber das Muskelwachstum hielt sich in Grenzen. Mit PITT-Force konzentriert man sich auf eine Übung. Man wiederholt sie zehn Mal mit dem größtmöglichen Gewicht. Pause. Dann fünf Wiederholungen. Dann bringt man sich mit ein, zwei oder drei Wiederholungen – immer absolut sauber durchgeführt – bis an den Anschlag der Leistungsfähigkeit. Dieses Grenzenverschieben macht süchtig, und damit hypertrophieren die Muskeln. Nur so werde ich endlich meinen Körper auferstehen lassen.

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Nacken stimmte nicht
Ursula regte ihn auf, ihre immer gleichen Handgriffe, die Art, wie sie ihre Zigarette in die Kerbe des Aschers drückte und bei seinen Fragen den Kopf schüttelte. Warum wollte sie nicht über alles reden? –
Einmal ging er vor lauter Wut an seinen Schreibtisch, holte eines von Hans’ Mitteln heraus und streute ein bisschen von dem Pülverchen auf den Tisch. Dann rollte er einen Streifen Papier auf, machte eine Linie mit dem Lineal und zog sie mit der Nase ein. Das Zeug flog in seinen Rachen. Es juckte und brannte so erbärmlich, dass er lange husten musste. Er trank Wasser und gurgelte.
Als er sich seine Hans-Seite anschaute, waren die Schleimhäute bereits trocken. Ja, diese Seite war nicht gut für ihn. Er schaute aus dem Fenster: Draußen lief der Himmel leer. Könnte er nur den Wahnsinn abschalten – per Knopfdruck! Stattdessen holte er Hans’ Pistole hervor. Warmes Metall, das in der Hand seines Vaters geruht hatte. Nachts im Ausland – gab es da bedrohliche Situationen? In Flugzeugen und an Grenzen flog eine Waffe auf. Also Angst zu Hause, bei Dienstreisen im Inland? Anton legte das Ding weg. Er dachte an das Foto von der Sportlerin. Die breiten Schultern. Er stellte die Kamera auf ein Stativ, legte eine rote Decke auf den Boden und hielt die Fernbedienung in der Hand. Mit der richtigen Kopfdrehung sah es nicht schlecht aus. Nur sein Nacken stimmte nicht.

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Ich merke täglich, wie das neue Training meinen Körper anschiebt. So viel Testosteron habe ich schon lange nicht mehr ausgeschüttet. Ich brauche diesen Schub. Langsam wird es Zeit, dass ich mich um die großen Aufgaben kümmere.

http://hans-brunkenhoffer-lebt.de/?p=437

Das echt krass
Er gab eine Anzeige auf: „Agiler Sportarzt möchte nach seiner Rehabilitation weltreisen. War mit dem Bike in Wladiwostok. Wer will mit mir in einem halben Jahr nach Dakar?“ Dazu ein Foto, das er mit Photoshop gebastelt hatte: Der Körper seines Vaters und Antons Kopf in Hans-Pose. Die zurückgezogenen Schultern schienen geradezu Schläge auf die Brust zu provozieren.
Erst schrieb Fiona169: „Ein Männerding, aber gut!“ Bull2.0 wäre gern mitgekommen, ein LoeweMuch meinte, für einen Genesenden mit Genickproblemen sei das echt krass.

Vaters zu reden
Abends sprach Ursula mit ihm über die Gefahren im Netz: Verabredung zum Freitod oder mit Kannibalen, Killerspiele, die in Amokläufe münden – wie in Columbine und Erfurt … Offensichtlich ging es ihr um etwas anderes.
Er fragte: „Wusstest du, was Papa für ein Arzt war?“
Ursula erstarrte.
„Sag mir, was du von seinem Leben weißt!“
Sie zog die Augen zusammen: „Dein Körper wird immer massiger … Du wirst Hans immer ähnlicher! Ausgerechnet du …“ –
Erst auf weiteres Bitten und Fordern hin versprach sie, mit ihm an seinem 18. Geburtstag über das Leben seines Vaters zu reden. –

kasse

AutarkiePM – ungepostet
Der Sportlehrer entdeckte Manuela für den Hürdenlauf. Seinetwegen kam sie in eine Schule für Nachwuchssportler. Dort brauchte sie dank der verabreichten Mittel keine Pausen mehr. Müde, das Wort kannte sie nicht. Ihr Körper wuchs, drinnen zirkulierte das Blut, draußen die Aschenbahnen. Ein Traum, der Fragen überflüssig machte. Einzig die Gewichte, die sie stemmen sollte, mochte sie nicht. Aber auch das gab sich. Sie konnte Linien und Achsen durch ihren Körper ziehen und sich auf den Aufbau exakt definierter Muskelgruppen konzentrieren. Außerhalb der Schule schauten sie die anderen Mädchen mit ihren schmalen Beinen komisch an, die Jungs machten Sprüche. Manuela Pirosch schaute nach vorne, sie sprang und lief.

 

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