Lesung – 13.12. Vierte Welt

 

Screen: Foto von Unfallstelle

crash

Ich habe am Navi immer die Frauenstimme ausgewählt. Irgendwie liebte ich ihre sanfte Mischung aus Penetranz und Machtlosigkeit. Auch an jenem Tag gab sie mir Anweisungen. Sie dirigierte mich zur Unterschweinstiege. Ich kam von dem gleichnamigen Lokal – mit Biergarten und einer Küche, die lokale Spezialitäten bot: Grüne Soße, Würste und natürlich Äppelwoi.

Von dort aus fuhr ich Richtung Flughafen, bog in den Kreisverkehr unter der Brücke ein, auf der die Autos über die B 43 rasten. Es regnete, aber es gab kein Aquaplaning. Unter der Brücke hervorkommend, wollte ich den Kreisverkehr verlassen.

Etwas knallte, mein rechter Seitenspiegel brach ab. Danach ging alles sehr schnell, das Auto überschlug sich, es flog und prallte gegen den Beton. –

Die Bilder vom Danach machte die Polizei. Bremsspuren fehlten.

Screen: Foto von Gurke?

gurke

Alles wird gut

Draußen vor dem Fenster verwitterte die eierfarbene Lackierung der Ziermetallstreben, der Himmel zeigte ein spätes Winterblau, der Deich war schneefrei. Im Badezimmerspiegel sah Anton ein bleiches Gesicht. Er wünschte sich ein optisches Aufarbeitungsprogramm dafür und eine Beratung, wie er sich bei der Beerdigung verhalten sollte. Vorher am besten noch eine Rückenmassage. Dann vibrierte das Handy in seiner Hosentasche, sicher Elva. Gut.

Er zog sich einen Scheitel, wie sein Vater ihn getragen hatte. Seine rötlichen Haare hatte er gestern bereits schwarz gefärbt, gegen den Willen seiner Mutter Ursula. Der Heilige, den er während des Schulgottesdienstes gemustert hatte, kroch ihm in den Rücken, spannte ihm den Hals, als säße ein Krampf zwischen den Schultern, ein festgezurrter Knoten, der bis in die Füße strahlte. Doch mit dem Heiligen konnte er der mitleidigen Meute in der Kirche entgegentreten, die ihn an diesem Tag erwartete: Leid vor brüchigem Goldgrund. –

Als ihm in der Pose übel wurde, las er Elvas SMS: „Alles wird gut!“

Screen: Video von Krankenhaus (ohne Ton?)

 

<…> 22. März 2005

Stimmen sind um mich herum. Mein Kopf fühlt sich ungewohnt an. Überhaupt sind alle Glieder schwer, mein Arm paralysiert. Die Muskulatur in Schultern und Beinen zurückgezogen, keine Bewegung möglich. Ich will mich aufsetzen, ABER …

Dann war ich wieder eingeschlafen.

Screen: Weiß

Von der Seite

In einem von seiner Mutter eigens besorgten weißen Mercedes fuhren sie vor, der Glockenturm der Kirche dröhnte. Anton stieg als erster aus und suchte Elva. Sie wartete nicht, wie verabredet, vor der Kirche, sondern war mit ihrem Bruder Daniel hineingegangen. Ihr Anblick beruhigte. Nun konnte Anton einatmen, dem Rücken die Heiligenkrümmung geben.

Vorn standen Nelken: Sie schmückten den Altar, daneben leuchteten goldfarbene Kerzen. Der Aufsatz auf dem Opfertisch strahlte in Weißgelbgrünbraun. Anton setzte sich, und weil alles unerträglich war, nahm er sein Handy und filmte. Im Bildschirm bemerkte er Elvas winziges Lächeln. Es wurde still. Seine Mutter betrachtete ihn kurz von der Seite.

Screen: Foto von Ohr

ohr

<…> 23. März 2005

Lange war ich neben mir.

Wo bin ich? Bin ich der, der fühlt? Ich schlaf’ und schlafe so viel und lang wie nötig. Wenn ich wach bin, richte ich mich auf. Dass ich schreibe, ist wichtig, die Sonne scheint, und im Radio singt Juli von der perfekten Welle …

Screen: weiß

Evtl. Jingle:

Nie zuvor gesehen

Wieder ging es in den Mercedes, nun zum Friedhof. Markus lief sehr langsam, er war bleich. Vor der Grabkapelle standen die Gäste mit Regenschirmen im Spalier – sie trugen Schwarz, Grau oder Aubergine. In den wenigen Tagen bis zur Beerdigung hatte Anton viele Gerüchte gehört: fehlende Bremsspuren, Lebensversicherung, geschäftliche Probleme.

Elva war zum Glück nicht weit hinter ihnen. Sie hielt ihre neue Kunstfasertasche in der Hand und stellte sich zu den Brots.

Mutter Brot stützte Oma Brot, die wankte. Die alte Dame roch scharf alkoholisch. Andere Trauergäste runzelten die Stirn, besonders, als sie in die Rede des Pastors hineinbrabbelte:

„Nu is man gut! So’n finer Kerl war der man nich …“

Kaum war der Pastor fertig, erhob Ursula sich und ging mit ihren beiden Söhnen aus der Grabkapelle. Draußen öffnete sie ihren Regenschirm.

Der Sarg wurde ins Grab gelassen, das Gesicht seines Vaters war im Fenster zu sehen. Es wirkte pudrig, die schwarzen Haare waren geföhnt. Der Regen sprühte einmal kurz, dann setzte er aus. Eine Trompete erklang und zog feierliche Schleifen in die Luft. Seine Mutter warf die erste Schippe Erde auf den Sarg, darüber ihre Astern.

Bald darauf traten die Brots an die Aushebung. Der Sohn wurde von Frau Brot angeschoben und streute einzelne Märzenbecher ins Grab. Sie warf riesige Lilien hinein, die Ursulas Astern mit ihrer Pracht erdrückten. Sie weinte eindrucksvoll. Ihr Junge sah aus wie der regennasse Bruder von Hans: schwarzes Haar, blaue Knopfaugen. Letztere schwirrten richtungslos. Zweimal machte er Schnalzgeräusche, seine Mutter berührte ihn, dann traten beide zurück. Ursula hob den Kopf, schaute erst Markus an, dann Anton. Der nahm ihre welke, abgearbeitete Hand und drückte sie liebevoll. In ihre Augen wagte er nicht zu schauen.

Immer weitere Schippen Erde trommelten auf den Sarg. Die Reihe der Menschen, die Blumen ins Grab warfen, nahm kein Ende. Viele von ihnen hatte Anton nie zuvor gesehen.

Screen: Video Unfallübung

Unfallübung from Hans Brunkenhoffer on Vimeo.

 

<…> 28. März 2005

Weit über drei Wochen, eine davon in künstlichem Koma, die ich im Gipsbett lag. Reizstrom, Physiotherapie – viel zu lange war ich zu Nichtstun verdammt. Nun gewinne ich langsam meinen Körper zurück. Ich mache winzige Übungen, damit die Muskeln wieder erstarken und die irreparablen Schäden meines Skeletts ausgleichen, vielleicht tue ich sogar im Kleinen zu viel des Guten, das war schon immer so. –

Als Arzt habe ich mich um Menschen gekümmert und das Letzte aus ihnen herausgeholt, nun macht mich mein Zustand wahnsinnig. Wie lange muss ich das noch ertragen?

Der Unfall lässt mich nicht los. Welche Bahn hat mein Leben genommen und warum? Habe ich etwas falsch gemacht?

Screen: Weiß

vll Jingle von dieser Textpassage

 

Sie seinem Vater

Als die Beerdigung vorbei war, bekam die holländische Landschaft aus verstreuten Bäumen, Wiesen und Schilf wieder etwas Einladendes. Ursula lenkte den weißen Mercedes fast leichthändig, der Ort drehte sich in der Windschutzscheibe, beschwipst wie Oma Brot.

Vor dem Haus angekommen, grüßte seine Mutter Grölsweg, der auch heute – trotz seines schwarzen Anzugs – mit dem Fahrrad unterwegs war. Schließlich öffnete sie die Tür und ging hinein. In der Küche kümmerte sie sich zuerst um den Bienenstich für die Gäste, die bald eintrudeln würden. Ihre Gelassenheit wirkte aufgesetzt. Dann verschwand sie in der Toilette und weinte leise.

Elva klingelte als erste. Sie gab Anton die Kamera zurück, mit der sie versteckt aus ihrer Tasche gefilmt hatte. Sie glühte, und in diesem Moment ähnelte selbst sie seinem Vater.

Screen: Foto Rollstuhl Parkplatz

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<…> 29. März 2005

Heute durfte ich zum ersten Mal aus dem Bett. Sitze im Rollstuhl. Meine Frau hat mich sogar kurz nach draußen gefahren. Ich bekomme Schmerzmittel – aber in meinem Büro stehen die Wirkstoffe, die mich wieder aufbauen werden!

Ursula hat mich gedrängt, ihr den Schlüssel für mein Büro zu geben, sie brauche unbedingt Unterlagen fürs Finanzamt. Warum ist sie da so hinterher? Kann das nicht warten?

Screen: Foto von Tryptichon

vll jingle

Sehr sicher saß

Um an Hans’ Unterlagen heranzukommen, hatte Ursula den Schlüsseldienst bestellt. Das war also das Zimmer, das niemand hatte betreten dürfen, das sein Vater zur Tabuzone erklärt hatte. Es roch merkwürdig nach Chemie. Ursula griff nach dem Bank-Ordner und verließ mit dem Mann das Büro.

Anton schaute sich um. In einem Regal hinter der Tür standen, säuberlich aufgereiht, unterschiedliche Dosen. Manche stammten aus dem Handel. Auf ihnen standen Worte wie Anabol, Muskelpumping, Power-sonst-was. Andere waren von Hans mit chemischen Bezeichnungen beschriftet. Anton filmte das Regal, schwenkte über den Schreibtisch, die Ordner. Als er Schritte hörte, stellte er das Gerät schnell ab.

Ursula erschien und verbat ihm, im Büro herumzuschnüffeln. Sie schob ein Steckschloss in die Tür, das nicht sehr sicher saß.

Screen: Video 9. April

 

<…> 9. April 2005

Es ist der Hals, den es am stärksten erwischt hat und der nun regelmäßig untersucht wird, aber auch die linke Schulter, der rechte Ellbogen und das linke Knie sind hin. Auf diese Weise sind mir viele Bewegungen und Belastungen versagt, vor allem gleiche Muskelpartien parallel zu trainieren – unmöglich.

Unglaublich, wie weit ich für ein paar unachtsame Momente am Steuer gehen muss. Man wächst an den Herausforderungen!

Screen: Video aus Trailer: Hans-Jahnstadion

 

Aber sicher abnahm

Als er zwei Tage später allein im Haus war – Markus war bei einer Freundin, um eine Klassenarbeit vorzubereiten, und Ursula musste etwas in der Stadt besorgen – gelang es ihm, das Steckschloss zu entfernen und das Zimmer zu betreten.

An der Wand, rechts über dem Tisch, hing das Bild einer jungen Sportlerin, eine Läuferin in Startposition. Einen Blick darauf hatte er immer nur von Ferne werfen können, bevor sein Vater die Tür hinter sich schloss. Ihr Nacken und Rücken hauten ihn um. –

Überhaupt die Fotos. Er schaute sich die Ordner, Alben, Umschläge mit Negativen und Videokassetten an. Ursula hatte seine gesamte Kindheit akribisch dokumentiert: die ersten Gehversuche, die Türme aus Bauklötzen, die Holzeisenbahn, die ersten geschriebenen Worte – Anton hatte es stets gehasst, fotografiert zu werden, schon damals, ja, solange er eine Erinnerung an seinen Vater hatte. Aber der hatte darauf bestanden. Er wollte Antons Fortschritte, wie er sagte, mitverfolgen, auch wenn er kaum zu Hause war. So dokumentierten sie die Geschichte eines dicken Babys, das langsam, aber sicher abnahm. –

Screen: bild rücken

schulter

<…> 9. April 2005

evtl. Jingle

Sobald ich mich freier bewegen kann, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, werde ich Therapien nutzen, die umstritten sind. Dazu gehören Stromimpulse für alle Bereiche meines Körpers. Ich denke auch an starke Ergänzungsmittel. Am liebsten wäre mir ein gezielter genetischer Eingriff für eine Nullkommanichts-Genesung, so ein Mittel, das bei Mäusen ein enormes Muskelwachstum auslöst. Gewebe kann so hart wie Knochen sein. Es würde wie ein eigenes System Knochen und Bänder stützen, eine zweite Schale quasi, wie diese Anzüge von Sci-fi-Soldaten.

Screen: Foto Baum in Kaufhaus

rinde

Platz und Himmelspagode

Er sträubte sich, das Album von Hans’ Leben in die Hand zu nehmen, lieber griff er zum gemeinsamen Buch seiner Eltern. Das hatte auch eine Story: „Meine Frau arbeitete in einer Bäckerei in den Alpen, wo ihr Chef sie belästigte. Ich habe sie da rausgeholt.“ Fotos auf der Münchner Wies’n, Ausflüge in die Berge, Hände halten, viel abgeblitztes Doppelglück auf dem Weg zur Heirat. In Detern, wo die Fenster groß waren und der wolkenlose Himmel, von Bergen ungehindert, auf den Boden reichte, machte Ursula bald eine unglückliche Figur. Rauchte sie nicht ständig, als wollte sie sich im Qualm verstecken?

Schließlich schlug er doch Hans’ Album auf. Einschulung, Klassenfoto mit Zackenrand, Erstkommunion. Hans als Radrennfahrer im Trikot, Hans aufreizend lässig in Motorradkluft, Hans neunzehnjährig im Che-Guevara-T-Shirt, Hans als fettloser Paradesportler im Studio – unglaublich, dieser aufgepumpte Körper, dazu das Gesicht eines Studenten der Sportmedizin, der Posen liebt. Hans Zigarre paffend auf einer Party im Kreise seiner Verehrerinnen. Auch eine Studentenliebschaft fehlte nicht. Zahlreiche Fotos zeigten sie, dazwischen ein Zeitungsausschnitt: „Petra Krause qualifiziert sich für die Deutschen Meisterschaften“. Dann erste Dienstreisen: Prado in Madrid, Präsidentenpalast in Bukarest, Tito-Statue in Belgrad, Roter Platz und Himmelspagode …

Screen: Foto von Autobahn

<…> 12. April 2005

Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht um Attraktivität. Und, ja, um körperliche Anstrengung. Mindestens zwanzig Minuten am Tag braucht es, in meinem Fall viel mehr! Dazu das richtige Essen – das ist ein Problem in dieser Klinik. Du kannst nicht in den Tank eines Ferraris pissen und dann mit 200 über die Autobahn fahren!

Screen: Foto von Dose von oben

Deckel

Und den Revolver

Nun sah Anton in die oberste Schublade, er fand darin einen Revolver, der auf ein paar Kladden lag, darunter eine Reihe von Gesundheitszeugnissen, Krankenberichte. Sein Vater hatte scheinbar jahrelang mit seinen Knien zu kämpfen. Aber wozu brauchte er einen Revolver?

Das Metall war beinahe warm, lag freundlich in der Hand, viel freundlicher als das Album mit den Bildern.

Anton wollte mehr, viel mehr Informationen. Also durchsuchte er die Geschäftsordner. Im China-Ordner fand er die Karte eines Dolmetschers, vermutlich einer der Männer, die mit Hans vor den Sehenswürdigkeiten in Peking abgebildet waren. Ihn hatte Hans eine Woche an seiner Seite gehabt. Dann waren da endlose Reihen von Rechnungen, manche hatte Hans erhalten, von Firmen in der DDR, Spanien, USA und China, andere hatte er gestellt …

Auf einmal hörte Anton den Wagen seiner Mutter. Türeklappen. Schnell nahm er die Gesundheitszeugnisse, die Kladden und ein paar der handbeschrifteten Döschen mit. Und den Revolver. –

Screen: Bildüberschrift „Den Punkt gebracht“

Den Punkt gebracht

Die Fotos seines Vaters gingen ihm nicht aus dem Kopf. Auch das der Läuferin nicht, insbesondere ihr Nacken. Er musste es nachmachen, eine Art Kopfkino oder Animation von Sauriern, die ansetzte und sich wieder in Pixel auflöste. Seine Mutter beobachtete ihn einmal dabei, wie er die Schultern hochzog und sich auf dieses Gefühl konzentrierte, die Anspannung, bevor der Startschuss fällt.

Wer war diese Frau? Was hatte sie mit Hans zu tun? Immer wieder versuchte Anton, von seiner Mutter mehr über die Vergangenheit seines Vaters zu erfahren, aber offenbar war das Reden über ihn, sein Leben oder seine Geschäfte nicht erlaubt. Sobald Anton darauf zu sprechen kam, lenkte sie ab, fragte ihn nach Belanglosigkeiten, seinen Hausaufgaben, seiner Deutschnote. Schließlich gab er auf.

In das Büro konnte er nicht mehr. Ursula hatte ein neues Schloss einbauen lassen. Er wollte mehr über Hans erfahren. Aus dem Zeugnis kannte er die wichtigsten körperlichen Grunddaten. Damit hätte ein Robert de Niro Hans rekonstruieren können. Allein der Gedanke daran ließ Anton erzittern. Seine eigenen Versuche, einen Hans zu machen, scheiterten daran, dass er seinen Körper nicht im Griff hatte. Was machte er falsch? Wozu stellte er Fotos bis in die kleinste Fingerneigung nach? Als er mit Elva später darüber sprach, meinte sie, dass er ja nicht seinen Vater wiedererschaffen solle, sondern dass es nur so aussehen solle, als ob der noch lebe …

Immerhin hatte sie den Blog entdeckt und auf den Punkt gebracht.

Screen: Video Neue Einrichtung

 

<…> 22. April 2005

Schon der erste Schritt in die Wohnung war ein Schock. Ursula hatte in meiner Abwesenheit alle Zimmer umgestaltet und mir wichtige Dinge entfernt, Küche und Esszimmer waren vollkommen steril. Ihre Erklärungen ignorierend – nichts war schöner als zuvor! – lief ich ins Büro, auch alles neu. Meine Akten und Notizen fehlten, stattdessen die Zombie-Oberflächen eines Vorzeigezimmers. Ausgerechnet die Kladden, in denen viele Kontakte, Geschäftstermine und die Trainings- und Dosierungsergebnisse von Sportlern festgehalten waren – weg!

Wenn diese Unterlagen in die falschen Hände geraten, könnten sie ein verzerrtes Bild von mir entstehen lassen und meinen Ruf als Sportarzt schädigen.

Screen: AutarkiePM – ungepostet

AutarkiePM – ungepostet

Meine Manuela hatte Beine, 104 cm lang. Lauffreudig war sie schon im Kindesalter. Als Jugendliche rannte sie täglich im Wald und träumte nachts davon. Sie flog über Stock und Stein, Blätter schauerten. Nur das Hämmern von Buntspechten oder Erfurts Kohlegeruch rissen sie aus dem Schlaf. –

In der Schule lief sie jedem davon, und wer sie ärgerte, den fasste sie mit ihren starken Händen. Das verschaffte ihr Respekt.

Screen: Video Sportstudio

beinpresse 3 from Hans Brunkenhoffer on Vimeo.

 

Lauschte dem Lüfter

Er ging weiter ins Sportstudio, schilderte jeden Muskelkater. Hans hatte mehr Muskel gekannt als er und konnte sie alle isolieren. Anton postete Trainings- und Ernährungspläne, eingenommene Mittel, Kreislaufdaten, Gewichtsveränderungen und behauptete, er nähere sich seiner alten Form. –

Ursula wollte wissen, warum er dauernd am PC hocke und das Haus nur für Schule und Sportstudio verlasse. Überhaupt, es stinke da! Seit er dieses Eiweiß zu sich nehme, hätten sich seine diversen Ausdünstungen …

Peinlich war das, er musste an die neuen Pickel auf dem Rücken denken. Anschließend saß Anton am PC und lauschte dem Lüfter.

Screen: Video von PitT-Force

trizeps last from Hans Brunkenhoffer on Vimeo.

<…> 30. Mai. 2005

Ich trainiere jetzt wieder nach der alten PITT-Force-Methode. Keine kombinierten Übungen, bei denen ich unterschiedliche Muskelgruppen im Wechsel trainiere. So habe ich zwar meinen Körper gleichmäßig gestärkt, Kraft über den ganzen Apparat gepumpt, aber das Muskelwachstum hielt sich in Grenzen. Mit PITT-Force konzentriert man sich auf eine Übung. Man wiederholt sie zehn Mal mit dem größtmöglichen Gewicht. Pause. Dann fünf Wiederholungen. Dann bringt man sich mit ein, zwei oder drei Wiederholungen – immer absolut sauber durchgeführt – bis an den Anschlag der Leistungsfähigkeit. Dieses Grenzenverschieben macht süchtig, und damit hypertrophieren die Muskeln. Nur so werde ich endlich meinen Körper auferstehen lassen.

Screen: Foto Andreas als Schauspielerand-hugh - last andken 2 johny d l

Man mit Körperkaraoke

Elva gefielen nicht alle Postings.

„Du musst mit dem Ganzen größer und spielerischer werden. Wir werden gemeinsam mehr aus der Seite machen.“ –

Tatsächlich wollte er gezielter in dem werden, was er nicht war, und versuchte es nun indirekt: Er schaute sich Hans’ Bücher und Filme an: Die Körper von Detektiven, Cops, Karatehelden. Was treibt einen Polizisten an? Wie zeigt er es, und wie versteckt er es, wenn er durch einen Korridor läuft und dabei die Hände so hält, als könnte er jeden Moment zugreifen? Bild für Bild schaute und eignete Anton es sich an. Selbst einfache Tätigkeiten wie reden, stehen, sich wenden, Finger im Gürtel.

Er arbeitete mit Bleistift und Papier, zeichnete Silhouetten und erstellte ein Daumenkino. Auf dem Papier suchte er die wichtigsten Spannungen im Körper. Manchmal stach er sich in die entsprechenden Partien und schrie – wie der Mann in einem Bild von Rousseau, der zwischen riesigen Blättern mit einem Raubtier kämpfte. Wenn er schließlich gut war, agierte er sein Repertoire direkt vor einer Kamera aus und ertastete sich Hans’ Helden vor einem blauen Tuch: So, soo, hier also, wumm, da aber, tsum! Die Takes, die am besten zu Hans passten, lud er hoch. Titel: Langsam bin ich wieder bei mir!

Fiona169 schrieb dazu: „Du bist ein echt interessanter Mann. Wie alt bist du eigentlich? Lust auf ein Treffen?“

„Spontan …,“ antwortete er.

Anschließend übte er für Elva ein paar Liebesgeschichten mit Action. Er schaute sich die sexiest men alive an: Charming Hugh G., Colin F. oder Jude L. Ob Hans auch Frauen nachmachte? Nein, die eroberte man mit Körperkaraoke.

Screen: Video Barcas

Nichts mehr wahrgenommen

Eine Sportlerin aus Hans’ Akten ließ sich recherchieren. Eine Frau, die als Nebenklägerin in einem Berliner Prozess aufgetreten war, Dopingopfer, Mutter eines Kindes. Ihr Sohn hatte einen Klumpfuß, verursacht durch eine verkleinerte Gebärmutter, Spätfolge der Testosteroneinnahme. Hatte sein Vater die Augen davor verschlossen und die Folgen verdrängt? Hatte er sich in seine Arbeit verrannt, sich im Sport mit Endorphinen versorgt und nichts mehr wahrgenommen?

Screen: Überschrift: Alles schlimmer Magenstüber

Alles schlimmer Magenstüber

Er besuchte weiter Betroffenenforen. Dort gab ihm jemand die Adresse einer Ex-Sportlerin, die seinen Vater gekannt haben konnte. Also schrieb er höflich dies:

„Liebe Frau ***, ich bin der Sohn von Hans Brunkenhoffer, dem Sportarzt, der auch im Osten aktiv war. Sie sind in seinen Akten aufgeführt. Es tut mir leid, was passiert ist. Ich entschuldige mich für meinen Vater. Kannten Sie ihn? Könnte ich Sie anrufen? Bitte melden Sie sich!“

So lautete die Antwort:

„Hallo Anton! Ich kannte ihn nicht. Vielleicht hatte er mit meinen Trainern zu tun. Aber wenn, sollte er sich selbst bei mir entschuldigen. Keine Lippenbekenntnisse! Richte ihm das aus. Ansonsten hätte ich gern diese Akte. Die soll er rausrücken!“

Das machte alles schlimmer: Magenstüber.

Screen: Ihre Abneigung Riechen

Ihre Abneigung riechen

Bei einer neuen Suche nach Dopingopfern schrieb ihn ein Erfurt01 an:

„Mit deinen halben Sachen wird aus dir nichts. Dir fehlt Disziplin. Weißt du überhaupt, was du willst?“

Erfurt01 ließ sich nicht ergoogeln. LoeweMuch, Bull2.0 waren auf anderen Seiten als Bodybuilder und Sportnerd unterwegs. Und Ursula? Kannte sie seine Seite? Wenn sie eine Zigarette anzündete, konnte er ihre Abneigung riechen.

Screen: AutarkiePM – ungepostet

AutarkiePM – ungepostet

Mir ist fast das Rosinenbrötchen aus der Hand gefallen. Seit ich begonnen habe, meine Erinnerungen aufzuschreiben und sie von einem Internet-Café aus an ein nicht existierendes Konto zu schicken, schien es möglich, mit dieser Geschichte endlich abzuschließen, die mit dem Tod von Hans Brunkenhoffer ein Ende finden sollte. Nur ein DAEMON antwortet mir. Ich schaue mir die vielen Bindestriche an, zwischen denen „Original-Nachricht“ steht, die blauen Mailadressen, und dann lösche ich den Dämon. Gesendete Mails speichert mein Provider, aber sicher nicht für die Ewigkeit. So zwischen den jungen Männern sitzend, kann ich alles rauslassen, die Dinge beim Namen nennen und meine Gedanken ordnen. Nun bedauere ich, dass ich nach Hans Brunkenhoffer gegoogelt habe. –

Hans, wir sind uns nicht über den Weg gelaufen. Nicht direkt jedenfalls. Aber du hast dich an mir und anderen schuldig gemacht. Und nun das: Du dopst dich gesund. Dabei zerstört Doping Leben.

Screen: Video Sportstudio / Deichdiashow

aris schwester from Hans Brunkenhoffer on Vimeo.

 

Alles ein Postingglück

Zwei Tage später fuhr Anton wieder ins Studio. Trotz Oral-Turinabol und Pistole im Rucksack war er lustlos. Als er ankam, trainierte Ari vor einem großen Spiegel. Ray ermahnte ihn, genauer zu sein. Das hob die Stimmung.

Kaum hatten die beiden das Training beendet, folgte Anton ihnen in die Umkleide. Dort hörte er Ray auf Schwyzerdütsch sagen: „Das ist total abgefahren. Damit hast du mehr Drive, mehr Masse, schnellere Erholung! Und mehr Power für die Mädchen!“

Die Sehbörse war an, Duschgeräusche sickerten ins Mikrofon, sein Hans räkelte sich im Schweiße seiner Haut. Hinter den Türen des nussfarbenen Umkleideschranks blieb das empfohlene Präparat verdeckt. Anton hob seine Tüte, ging auf die beiden zu und sagte leise: „Ey, hier! DAS ist ORAL-TURINABOL! …“

Er stand vor ihnen und wusste bis in jede Faser seines Körpers, dass dies sein Deal war. So machte Hans das. Strahlende Gewissheit. Er schaltete auf Schwyzerdeutsch um: „Ari, hab was für dich. Voll geil! Oral …“

Ein Schlag traf wie eine Explosion und verdunkelte alles. Ein Postingglück.

Screen: Foto Jeans im Supermarkt

kasse

<…> 18. April 2006

Ein Jahr ist mein Unfall nun her. Die Monate harter Arbeit haben sich gelohnt: Ich bin aufgestanden, ich kann gar nicht sagen, wie viele Schritte das Gipsbett hinter mir liegt. Weit, weit weg. Ich möchte da nie wieder zurück. Ich danke, ich weiß nicht wem, aber ich bin dankbar. Ich fühle mich vollkommen leicht und stark!

Der Rücken ist nach meinem Rückschlag endgültig stabilisiert. Ich habe mich nicht kleinkriegen lassen. Nun, da der Körper wieder mitmacht, beginne ich mit gezieltem Training mehrerer Muskelgruppen pro Studiobesuch. Daher gehe ich nur noch drei Mal die Woche, um mich bis zur Erschöpfung ranzunehmen: Ein Tag Brust und Trizeps, ein weiterer Rücken und Bizeps, ein weiterer Bauch, Schultern, Beine. Der Blick in den Spiegel macht mich glücklich. Ich habe eine klare sexuelle Orientierung, aber den Männerkörper mag ich. Mein derzeitiger Body bedeutet Glück.

Er hilft mir, denn bei der Art von Geschäften, mit denen ich Geld verdient habe, muss man selbstbewusst sein, das Geforderte gut verkörpern und damit überzeugen. So ist mein Leben, meine Geschichte, ich bin das.

Screen: Überschrift: AutarkiePM – ungepostet

AutarkiePM – ungepostet

Das ist ja das Letzte, nun redet sich dieser Hans schön! Ich muss gestehen, dieses Geschreibe macht mich wütend.

Doping ist Doping; und je mehr davon, um so tiefer ist der Fall. Es ist ein Verbrechen, nie Selbsterfahrung oder Rehabilitationsmaßnahme! Verschweig also nicht, welche Achterbahn das Doping ist. Am Ende gibt es nur noch die eine Rampe, von der man stürzt. Dass es solche Kreaturen wie dich gibt!

 2008

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Screen: Überschrift – Nacht bei Elva

Nacht bei Elva

Als Elva mit der Reisetasche kam und Anton seiner Mutter sagte, sie würden nach Frankfurt fahren und dann nach Leipzig zu einer Trainerin, mit der Hans zusammengearbeitet hatte, ließ Ursula sie, ohne ein Wort von sich zu geben, stehen und ging in ihr Zimmer. Leise packte er und blieb über Nacht bei Elva.

Screen: Video Barcas

 

<…> 23. April 2008

Meine Vergangenheit hat mich überwältigt, obwohl ich doch glaubte, mit ihr abgeschlossen zu haben.

Abends sitze ich herum und grüble. Inzwischen bin ich überzeugt, dass jemand anderes wollte, dass ich gegen den Beton rase. Die fehlenden Bremsspuren sind letztlich unerklärlich: In so einer Situation bremst eigentlich jeder – selbst der Selbstmörder tut es im letzten Moment. Es gab eine Blutuntersuchung, doch es wurden keine Substanzen gefunden, die auf Vergiftung, Drogen oder ähnliches hinwiesen. Ich werde nach Frankfurt fahren, meinen Unfall mit Anton und seiner Freundin nachstellen und dokumentieren.

Screen: Foto Unterhosen

Mehr als Autoverschleiß

Elva wäre lieber sofort zu Frau Pfiffling nach Leipzig gefahren, aber sie stimmte zu, dass die Aktion erheblichen Eindruck machen musste. Sie machten wieder ihr Lieblings-Foto von sich als Paar: jeweils Unterhosen wie Sturmhauben über dem Kopf. Darunter stellten sie am nächsten Tag ihren Zwischenbericht ein. Am Ende stand: „Wir ziehen los und machen’s groß, damit jeder weiß, Hans hatte mehr als Autoverschleiß!“

Screen: AutarkiePM – gepostet

AutarkiePM – gepostet

Du weißt ohnehin, dass es mich gibt, dazu brauchst du weder den Unfall simulieren noch mit Doping-Unterlagen winken. Hans Brunkenhoffer ist aus der Bahn geflogen, er beschleunigte sich auf sein Ende zu.

Screen: Screenshot Hans-Brunkenhofer-Lebt.de

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Sagte gleich zu

Elva rief an. Sie habe mit Daniel gesprochen. Der habe sich die Hans-Seite nochmals angeschaut. Auch wegen des merkwürdigen Postings. Grundsätzlich könne man eine Funktion einbauen, die alle Besuche auf der Seite dokumentiert. Damit wären über ein DNS-Profil angeschaute Inhalte, Ort und Datum nachvollziehbar. Im Grunde also eine nahezu vollständige Rückverfolgung aller Besucher und ihrer Interessen in Echtzeit. Anton sagte gleich zu.

Screen: Foto vom DeichAutofoto unfall

Hans bevorzugt hatte

An der Theke des Autoverleihs schaute sich Elva um. Sie wollte in der Reihe gar nicht aufschließen, sodass der Abstand zu ihrem Vordermann, ein rundbäuchiger Herr in Jeans, Jackett und weißem Hemd, größer wurde. Ihr Magenkrampfen war deutlich zu spüren. Er nickte und sagte: „Ich pass schon auf … keine Stunteinlagen“ Da musste sie lächeln.

Sie flirtete mit dem Dreitagesbart hinterm Schalter. Der war noch müde, aber ihr Lächeln ließ ihn aufblitzen und ihre hochgefönten Schulterlocken studieren. Sie bekamen das Auto, das sie wollten, einen grünen BMW, Gangschaltung, Sportwagen – genau der Wagentyp, den Hans bevorzugt hatte.

Screen: Video Frankfurter Flughafen

Versuch’s noch mal!

Als sie sich dem Frankfurter Flughafen näherten, verzog der Himmel sich. Anton fuhr zunächst das Restaurant an, in dem sein Vater unmittelbar vor dem Unfall gewesen war. Der Ort wirkte im Regen traurig.

Auf dem Weg zur Unfallstelle sagte sie schließlich: „Du passt doch auf dich auf?“

Er nickte. Sie stieß ihm in die Rippen. Als sie ihm kurz an die Stirn tippte, sagte er, ihm gefalle der Regen. –

Anton drehte mehrere Runden im Kreisverkehr, bis sie sicher waren, wo Hans von der Fahrbahn abgekommen war. Elva stieg aus und stellte sich mit Kamera unter die Brücke.

Fünfmal gelangen die Aufnahmen nicht. Der Wagen wurde dreckig von hektischen Bremsvorgängen auf dem Seitenstreifen, der Regen nahm den Schmutz nicht mehr vom Lack. Ein Autofahrer, denen sie aufgefallen waren, schüttelte den Kopf und tippte sich an die Stirn. Vergehen gegen die StVO. Anton hielt kurz an und sagte: „Tatsächlich wäre der Wagen selbst ohne Bremsen bei 30, 40 km/h beherrschbar, Hans muss deutlich schneller gewesen sein. Ich versuch’s noch mal!“

Screen: Video Unfall Finale

Unfall Finale from Hans Brunkenhoffer on Vimeo.

 

Hier stattgefunden hat

Sie filmte, wie Anton losfuhr, schlafwandlerisch bewegte er die Lippen, glasig die Augen – ein Nerd. Im Headset tönte seine Stimme: „Starte, fühle Sitz, selbstgewissen Körper, beschleunigt abbiegen. Nun Handbremse …“

Dann Pause und ein Schrei. Anton hatte diesmal gewartet, bis ein Auto kam, sodass ihm die Ausfahrt versperrt war. Er war ziemlich schnell. Brachialbremsung kurz vorm Beton, der Wagen schleuderte, stieß mit dem Heck an die Brücke. Der Airbag sprang auf, Antons Gesicht verschwand. Sie zwang sich, an ihrem Platz zu bleiben, hielt aufs Auto, bis Anton sich herausfallen ließ. Er lag im nassen Gras und lachte.

Die Polizei ließ nicht lange auf sich warten. Als die Beamten aus dem Wagen stiegen, stand er auf und sagte:

„Ich hätte ohnehin ein paar Fragen an Sie, es geht um einen Unfall, der vorletztes Jahr hier stattgefunden hat …“

Screen: Video Making of

Making of from Hans Brunkenhoffer on Vimeo.

 

<…>

Anton und Elva haben meinen Unfall nochmals analysiert. Ein anderer Wagen muss mich abgepasst und absichtlich abgedrängt haben. Deshalb war auch mein Seitenspiegel abgebrochen. Womöglich war gleichzeitig die Bremse manipuliert, sonst hätte ich den Wagens wieder unter Kontrolle bekommen. Ja, so muss es gewesen sein … meine Erinnerung kehrt langsam zurück.

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